Einleitung
In unserem zuletzt erschienenen Blogpost zum IT-Architekturmanagement haben wir die signifikanten Vorteile einer pragmatischen und ganzheitlichen Betrachtung im Sinne des IT-Architekturmodells von Safaric Consulting diskutiert. Eine enge Verzahnung von Business und IT ist in diesem Kontext durch moderne IT-Architekturorganisationsmodelle aus unserer Erfahrung eine zentrale Voraussetzung.
Viele Handelsunternehmen befinden sich derzeit in einem digitalen Umbruch, ausgelöst durch technologische Innovationen, verändertes Konsumentenverhalten und hohen Wettbewerbsdruck. Diese Rahmenbedingungen zwingen Unternehmen dazu, ihre zunehmend komplexen Systemlandschaften agiler und flexibler zu gestalten. Nur so kann die IT ihre Rolle als zentraler Business-Enabler und Innovationstreiber erfüllen.
Eine IT-Systemlandschaft lässt sich nicht isoliert betrachten, sondern entsteht immer in enger Abhängigkeit von einer agilen Geschäfts- und IT-Organisation. Diese Abhängigkeit ist keineswegs neu. Der Informatiker Melvin E. Conway hat bereits 1967 erkannt, dass technische Systeme die Kommunikationsstrukturen ihrer Organisation widerspiegeln. Dieses Prinzip ist heute relevanter denn je, da moderne IT-Landschaften nur dann flexibel und skalierbar bleiben, wenn auch die Organisation selbst kollaborativ, transparent und anpassungsfähig arbeitet. Um den aktuellen Herausforderungen begegnen zu können, müssen Unternehmen ihre Strukturen agiler gestalten und die klassische Trennung zwischen IT und Fachbereichen aufweichen.
Die beschriebenen Entwicklungen erzeugen tiefgreifende Wechselwirkungen in Handels- und Konsumgüterunternehmen. Unternehmensorganisation, IT-Organisation und IT-Architekturorganisation beeinflussen sich gegenseitig und wirken zugleich auf die unternehmensweite IT-Architektur ein. Welche Veränderungen auf den einzelnen Ebenen erforderlich sind, um für Handels- und Konsumgüterunternehmen einen Wettbewerbsvorteil zu etablieren, wird in den folgenden Abschnitten unseres Blogbeitrags dargestellt.

Unternehmensorganisation: Cross-funktionale Teams und IT-Architekturmanagement statt strikte Trennung nach Fachbereichen und IT
In der traditionellen Unternehmensorganisation ist die IT meist zentral organisiert und strikt von den Fachbereichen getrennt. Die Fachseite fungiert als Anforderungssteller, während die IT als Lieferant von Lösungen agiert. Durch dieses sogenannte Demand-Supply-Modell muss die IT zwischen den vielfältigen Bedürfnissen der verschiedenen Fachbereiche koordinieren. So entstehen häufig Wildwuchs in den Systemen durch Schatten-IT, Spannungen zwischen IT und Fachseite sowie gegenseitiger Frust statt partnerschaftlicher Zusammenarbeit. IT-Teams fokussieren sich dann häufig stärker auf die Erfüllung einzelner Features als auf die tatsächliche Problemlösung. Zudem sind nicht alle betroffenen Stakeholder aktiv in die Entwicklungs- und Anpassungsprozesse eingebunden, wodurch Verantwortung breit gestreut und zwischen IT und Fachbereichen hin- und hergeschoben wird.

Der moderne Ansatz wirkt diesen Herausforderungen gezielt entgegen. Die Ablauforganisation orientiert sich an „IT-Produkten“, für die Fach- und IT-Seite gemeinsam Verantwortung übernehmen. Solche Produkte können zum Beispiel kundengerichtete Webshops und Mobile Apps, Checkout- und Paymentlösungen sowie interngerichtete Systeme in der Logistik sein. Experten aus Business und IT arbeiten in cross-funktionalen Teams kontinuierlich an der Weiterentwicklung eines IT-Produkts. Dadurch werden Betroffene zu Beteiligten, und die Grenzen zwischen IT und Fachbereichen verschwimmen zunehmend. Dabei muss die Aufbauorganisation nicht zwingend geändert werden und kann vorerst bestehen bleiben.
Ergänzend dazu wird ein unternehmensweites IT-Architekturmanagement etabliert, das die technologische Gesamtarchitektur strategisch ausrichtet und orchestriert. Enterprise Architecture definiert den strategischen Rahmen für die unternehmensweite Weiterentwicklung der IT-Architektur und stellt sicher, dass technologische Entscheidungen eng mit der Geschäftsstrategie verzahnt sind. Sie schafft Transparenz über die gesamte IT-Bebauung, entwickelt verbindliche Prinzipien und sorgt für deren Einhaltung, damit die Gesamt-IT-Architektur stabil, skalierbar und wirtschaftlich bleibt. Domain Architecture Management konkretisiert diesen Rahmen in den einzelnen Domänen, die je nach Geschäftsmodell individuell geschnitten werden können. Dort werden die globalen Leitlinien in domänenspezifische Architekturentscheidungen überführt. Enterprise Architecture Management richtet das Gesamtbild aus, Domain Architecture Management verankert es wirkungsvoll in den einzelnen Bereichen und gibt den Teams für IT-Produkte klare Leitplanken für ihre tägliche Arbeit.
Mehrere IT-Produktteams lassen sich in einer Domäne bündeln, die gemeinsam von dem Geschäftsbereichsleiter und dem Domain Lead Architect geleitet wird.
Durch den modernen Ansatz werden die Unternehmensorganisation sowie IT-Organisation und IT-Architektur strategisch ausgerichtet und das Unternehmen wird agil in seiner IT.
IT-Organisation: Performance-Steigerung der IT-Organisation – von Plan-Build-Run zu BizDevOps
In traditionellen IT-Organisationen sind einzelne Verantwortlichkeiten oft nach Lebenszyklusphasen einer Applikation getrennt. Ein Strategiegremium plant eine IT-Lösung, die anschließend von einem IT-Projektteam umgesetzt und vom IT-Support betrieben wird. Die drei Phasen werden von unterschiedlichen Rollen und Personen verantwortet und die jeweiligen Arbeitsergebnisse an den Schnittstellen übergeben. Dieses Modell führt zwar zu einem hohen Spezialisierungsgrad der Mitarbeiter, schafft jedoch nur lose Verantwortlichkeiten und wenig Bezug der Beteiligten zum finalen IT-Produkt. Jeder Prozessbeteiligte fokussiert sich auf seinen eigenen Tätigkeitsbereich, wodurch leicht Silodenken entsteht. So tendiert bspw. das Projektteam dazu, die Wartung nach IT-Produkteinführung nur unzureichend zu bedenken.

Im modernen Ansatz ist die IT kein isoliertes hierarchisches Konstrukt mehr, sondern eng in alle Unternehmensbereiche eingebunden. Iterative, interdisziplinäre Arbeitsweisen ersetzen klassische „Wasserfallprozesse“. Die Grundstruktur entwickelt sich von Plan-Build-Run zu integrierten BizDevOps-Teams, in denen IT-, Strategie- sowie operative Einheiten gemeinsam die IT-Architektur weiterentwickeln. Der Begriff BizDevOps steht dabei für eine Kombination aus Business, Development und Operations.
Planung, Entwicklung und Wartung sind in einem Team pro IT-Produkt vereint. Mehrere Teams auf unterschiedlichen Hierarchieebenen vom Top- bis Lower-Management sind über gemeinsame Formate, beispielsweise zur Quartalsplanung, miteinander verbunden, um strategische IT-Pläne zu konzeptionieren und operationalisieren sowie den Austausch untereinander zu fördern.
Jedes IT-Produktteam wird von einem Product Owner geleitet, der Rahmenbedingungen wie Produktvision, fachliche Anforderungen und Budget definiert. Ergänzend übernimmt ein Solution Architect innerhalb des IT-Produktteams die technische Verantwortung. Er sorgt dafür, dass die entwickelten Lösungen den IT-Architekturprinzipien entsprechen, skalierbar bleiben und sich nahtlos in die bestehende Systemlandschaft integrieren. Das Team trägt die Verantwortung über den gesamten Lebenszyklus der Lösung. Dies fördert ein höheres Involvement, ermöglicht schnellere Entscheidungen durch kürzere Wege und stärkt die Entscheidungskompetenz im Team.
Während die traditionelle, projektorientierte IT auf temporäre Vorhaben mit festem Enddatum ausgerichtet war, fokussiert sich die produktorientierte Organisation auf die kontinuierliche Weiterentwicklung eines Produkts ohne definiertes Ende. Erfolg wird weniger an der Einhaltung eines Plans gemessen, sondern am erzielten internen und externen Kundennutzen sowie am Geschäftsergebnis. Um solche Erfolge zu ermöglichen, müssen IT und Fachbereiche auf Augenhöhe zusammenarbeiten und ein gemeinsames Verantwortungsgefühl für die Qualität ihrer Produkte entwickeln.
Die IT entwickelt sich zunehmend zu einer föderierten Struktur, in der zentrale Leitlinien und Standards bestehen bleiben, während die Umsetzung in fachübergreifenden, produktorientierten Teams erfolgt. Dadurch verändert sich die Arbeitsweise, nicht jedoch zwingend die Aufbauorganisation: Die IT kann weiterhin als eigenständige Einheit bestehen.
Zusammenfassend zeigt sich, dass die IT-Organisation als Lieferorganisation für die Fachbereiche immer stärker von starren Strukturen und klassischen Auftraggeber-Auftragnehmer-Denkmustern abrückt. Stattdessen rücken vernetzte Teams, gemeinsame Verantwortung und eine enge Zusammenarbeit von IT und Fachbereichen in den Vordergrund. So entsteht eine Organisation, in der Agilität, Innovation und ein schnelles Feature Deployment bzw. Go-to-Market im Mittelpunkt stehen.
IT-Architekturorganisation: Die Balance zwischen zentraler Steuerung und dezentraler Agilität
Früher war die IT in viele Projekte eingebunden, doch Entwickler und IT-Architekten arbeiteten weitgehend getrennt voneinander. Die IT-Architektenrolle war noch wenig etabliert. Entwickler arbeiteten in den Projektteams allein an der Lösungsrealisierung. Enterprise Architects saßen im Elfenbeinturm und formulierten Unternehmensrichtlinien, die in den Produktteams wenig Anklang fanden. Die Trennung zwischen IT-Architekten und Entwicklern führte häufig zu unterschiedlichen Denkweisen, begrenztem gegenseitigem Verständnis sowie Spannungen aufgrund fehlender Transparenz und unzureichender Feedbackkultur.

Im modernen IT-Architekturmanagement nimmt die Etablierung einer IT-Architekturorganisation über alle Unternehmensebenen und -bereichen hinweg einen besonders hohen Stellenwert ein. Dabei können sowohl neue Positionen errichtet, aber auch Rollen an vorhandenes Personal vergeben werden.
Enterprise Architects verantworten die Governance der IT-Architektur und stellen in Zusammenarbeit mit Strategen sicher, dass technologische Bebauungspläne die Architekturprinzipien einhalten und die Unternehmensstrategie unterstützen. Domain Architects steuern die Weiterentwicklung der IT-Architektur einer Domäne und achten auf Konsistenz. Field Architects übersetzen strategische Vorgaben in konkrete Architekturkonzepte in Projekten und werden in mehrere Produktteams punktuell entsandt. Sie hängen disziplinarisch in der Enterprise-Architecture-Organisation. Solution Architects arbeiten direkt in den IT-Produktteams und übernehmen die technische Verantwortung für die Umsetzung. Sie hängen disziplinarisch in den Fachbereichen oder der Domäne.
Um das gegenseitige Verständnis zwischen Entwicklern und IT-Architekten zu stärken, braucht es feste Formate für den Austausch und das gemeinsame Lernen. Architekten sollten nicht erst am Ende eines Projekts prüfen, ob Vorgaben eingehalten wurden, sondern frühzeitig in agile Entwicklungsprozesse eingebunden sein. So entwickeln sie sich vom Kontrolleur zum Enabler.
Die Aufgaben des IT-Architekturmanagements werden dadurch breiter und verteilter. In vielen Unternehmen entstehen Netzwerke aus IT-Architekten. Diese Zusammenarbeit erfordert klare Schnittstellen und Dialog, fördert aber zugleich schnellere Entscheidungen und eine hohe Effektivität in der unternehmensweiten Technologiebebauung.
Je näher eine IT-Architektenrolle in die Umsetzung involviert ist, desto stärker steht technisches Know-how im Fokus, während auf den höheren Ebenen strategisches und übergreifendes Denken gefragt ist. Kompetenzen wie Moderation, Konfliktlösung und Coaching bleiben auf allen Ebenen zentrale Voraussetzungen, um IT-Architektur im Unternehmen wirksam zu verankern.
Die moderne IT-Architekturorganisation schafft damit den Rahmen, in dem technologische Innovation und geschäftliche Wertschöpfung zusammenfinden. Sie verbindet strategische Steuerung mit fachlicher und operativer Umsetzungsstärke und fördert eine Kultur des gemeinsamen Lernens und der Verantwortung. Wo früher Anforderungsmanagement fachbereichsseitig im Vordergrund stand, entsteht heute ein lebendiges Netzwerk, das Unternehmen befähigt, Wandel aktiv zu gestalten und IT als echten Business-Enabler zu nutzen.
IT-Architektur: Das Management von IT-Architekturen, modulare Microservices und Composable ERP als Trendthemen
Die klassische zentralisierte IT-Organisation spiegelt sich heute direkt in der IT-Architektur wider: monolithisch. Über Jahrzehnte dominierten Monolithen mit eng gekoppelten Komponenten und zentraler Datenhaltung. Heute sehen wir einen Wandel, wobei modularere, klar abgegrenzte und entkoppelte Architekturen das Ideal darstellen.
Im modernen IT-Architekturmanagement richten leistungsfähige Handelsunternehmen ihre IT-Architektur konsequent an klar definierten Zielbildern und Architekturprinzipien aus. Sie kombinieren Strategie, Geschäftsmodell und die technische IT-Architektur aus Anwendungen, Schnittstellen, Daten und Infrastruktur zu einem integrierten Gesamtsystem. Für eine ausführliche Beschreibung verweisen wir auf den ersten Blogpost „Wie pragmatisches IT-Architekturmanagement modernen Handelsunternehmen in der digitalen Transformation hilft“.
Als weiterer Trend haben sich bei selbstentwickelten Applikationen Microservices als dominantes Paradigma etabliert. Anwendungen werden in klar abgegrenzte, fachlich fokussierte Services zerlegt, die über definierte APIs miteinander interagieren. Diese Struktur ermöglicht eine eindeutige Zuordnung zu IT-Produkt-Teams, die jeweils mehrere Services verantworten und unabhängig voneinander entwickeln können. Dadurch entstehen kürzere Releasezyklen, weniger Fehler und eine IT-Architektur, die sich flexibel an neue Anforderungen anpassen lässt. Auch große Standardsysteme wie SAP S/4HANA oder moderne Webshop-Plattformen zeigen heute eine ähnliche Modularisierungstendenz.

Parallel dazu wird die frühere monolithische ERP-Landschaft (bspw. SAP ECC 6.08) schrittweise in modulare, serviceorientierte Bausteine überführt. Das ERP bleibt dabei als stabiles System of Record bestehen, wird jedoch künftig durch zusätzliche Services und Spezialanwendungen für bspw. Customer Relationship Management und Supply Chain Management erweitert. Handels- und Konsumgüterunternehmen setzen damit verstärkt auf einen sogenannten Composable-ERP-Ansatz, in dem S/4HANA den verlässlichen Digital Core bildet. Dieser Kern harmonisiert End-to-End-Prozesse transaktional, verarbeitet Daten in Echtzeit und stellt ein konsistentes Fundament bereit, während spezialisierte Applikationen gezielt fachliche Anforderungen effektiver abdecken und die Architektur flexibel skalierbar machen.
In Summe wandelt sich die IT-Architektur von starren Monolithen hin zu modularen, entkoppelten Systemlandschaften – aber nur, wenn sich die Unternehmens- und IT-Organisationen mit wandeln.
Fazit: Moderne Organisationsmodelle für IT und Business als strategischer Wettbewerbsfaktor im Handel
Anhand dieses Blogbeitrags lässt sich folgendes Fazit ziehen: Leistungsfähige Modelle für das Zusammenspiel von Unternehmensorganisation, IT-Organisation und IT-Architekturorganisation sind ein zentraler Erfolgsfaktor für wirksames IT-Architekturmanagement im Handel. Wesentlicher Erfolgsfaktor ist die klare Gestaltung von Strukturen, Verantwortlichkeiten und Zusammenarbeit über alle Bereiche hinweg. Ein Organisationsmodell wie im Beitrag beschrieben unterstützt Handelsunternehmen nicht nur in der digitalen Transformation, sondern schafft zugleich die Grundlage für eine konsistente unternehmensweite IT-Architektur, mit der sich dauerhaft eine nachhaltige Wettbewerbsposition aufbauen lässt.
Zusammenfassung der Erkenntnisse
- Unternehmen im Handel erzielen einen strategischen Wettbewerbsvorteil, wenn Organisation, IT und IT-Architekturmanagement integriert ausgerichtet werden
- Microservice- sowie Composable-ERP-Ansätze müssen konsequent in der Technologiebebauung verankert werden
- Eine moderne, geschäftsnahe IT kann ihr enormes Wertschöpfungspotenzial nur ausschöpfen, wenn Organisationsstrukturen und IT-Architektur konsequent gemeinsam agilisiert und eng verzahnt werden
- Cross-funktionale IT-Produktteams und starke Enterprise-Architecture-Organisationsmodelle ersetzen das ineffiziente Demand-Supply-Modell und schaffen gemeinsam optimale Voraussetzungen für eine zukunftsfähige IT
- BizDevOps-Strukturen steigern die Performance des Unternehmens, weil strategische Planung, Entwicklung und Betrieb in Geschäftseinheiten und IT-Architekturorganisationen zusammengeführt werden
- Ein mehrstufiges IT-Architekturrollenmodell schafft die organisatorischen Voraussetzungen dafür, dass eine skalierbare Technologiebebauung und ein optimaler Technologiesupport für das Unternehmen effektiv gesteuert werden können